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veröffentlicht am Donnerstag, 01.08.2019


Rede zum 1. August 2019 in Andwil

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Wurzeln und Flügel für die Schweiz 

 

Ansprache zum 1. August 2019 von Esther Friedli, Ebnat-Kappel

 

Andwil, 31. Juli 2019

 

ES GILT DAS GESPROCHENE WORT

 

Liebe Andwilerinnen, liebe Andwiler

Liebe Arneggerinnen, liebe Arnegger

Geschätzter Gemeindepräsident Toni Thoma

Liebe Festgemeinde

 

Heute, am 728 Geburtstag der Schweiz, fällt mir die Ehre zu, einige Worte und Gedanken zum morgigen Geburtstag der Schweiz an Sie zu richten. Ich möchte mich bei der Gemeinde Andwil ganz herzlich für die Einladung und vor allem auch für die Ausrichtung dieser schönen Bundesfeier bedanken. 

Der 1. August ist der Nationalfeiertag unseres einzigartigen Landes. Er gibt Anlass, zurückzuschauen, innezuhalten, nach vorne zu blicken, dankbar zu sein und zusammen zu feiern. Wir blicken auf 728 Jahre Eidgenossenschaft zurück. Auf 728 Jahre Einstehen für Unabhängigkeit, Freiheit, Sicherheit und Neutralität. Einstehen, für unser Land, das geprägt ist von einer wunderschönen Landschaft, einem einmaligen politischen System und dem Willen, als ressourcenarmes Land Wohlstand zu erlangen. 

Im Jahr 1291 haben drei Männer die Unabhängigkeit und Freiheit der Schweiz mit einem Schwur und Bund auf dem Rütli besiegelt. Sie haben quasi den Samen gesät, aus dem wir gewachsen sind. 

Friedrich Schiller hat dies in seiner Ausführung von Wilhelm Tell schön ausgeführt:

Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,

in keiner Not uns trennen und Gefahr,

Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,

eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.

Wir wollen trauen auf den höchsten Gott

Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen. 

(Wilhelm Tell, 2. Aufzug, am Schluss der 2. Szene, Friedrich Schiller)

Auch wenn dies für manch einer nur eine Sage oder eine schöne Geschichte von Friedrich Schiller ist, ich glaube daran, dass sich vor 728 Jahren mutige Männer gewagt haben, gegen die Untertanenschaft zu rebellieren, aufzubegehren und sich gegen die Arglist der Zeit zu wehren. Sie haben bereits damals realisiert, dass die Monarchie keine gute Staatsform ist und wir Schweizerinnen und Schweizer nicht von fremden Mächten regiert werden wollen. Wir wollen frei sein, wir wollen selber bestimmen können – das prägt uns seit vielen Jahrhunderten. Unsere Vorfahren hatten es daher nicht immer leicht, es wurde viel Blut und Schweiss vergossen, damit die Schweiz das ist, was sie heute ist: Eines der erfolgreichsten Länder der Welt mit einem sehr hohen Wohlstandsniveau. Wir dürfen daher gerade an einem 1. August stolz und dankbar sein, was unsere Vorfahren gesät, erreicht und für uns geschaffen haben. Übertragen könnte man sagen – der gesäte Samen ist gewachsen und hat starke Wurzeln bekommen. Wurzeln, die Stürme und Kriege überstanden haben, Wurzeln, die Trends getrotzt haben und Angriffe von innen und aussen überlebt haben. Zu diesen Wurzeln müssen wir Sorge tragen – ohne gesunde und starke Wurzeln stirbt jede Blume, jeder Baum in Kürze ab. Wir müssen ihnen daher immer wieder Wasser und Energie geben. 

Ein bekanntes Sprichwort lautet: «Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel». Ich glaube, die Väter und Mütter der Eidgenossenschaft haben uns genau dies mitgegeben. Die starken Wurzeln der Unabhängigkeit, der Selbstbestimmung, der Neutralität und der Mitbestimmung, der direkten Demokratie prägen uns, bilden das Fundament und geben uns halt. 

Die Flügel haben uns Werner Stauffacher, Walter Fürst und Arnold von Melchtal ebenfalls mitgegeben – sie tragen uns zu unserem eigenen Weg und zur Freiheit. Flügel lassen uns fliegen, eigene Wege erkunden und dem Himmel näherkommen. 

Vieles ist in unserem Land einzigartig – so unsere demokratischen Institutionen, das friedliche Zusammenleben in vier Landessprachen, die Kompromissfähigkeit, die Nähe zwischen Politikern und Bürgern oder das Erreichen eines hohen Wohlstandes ohne auf natürliche Ressourcen zurückzugreifen zu können. Das direktdemokratische System eint die unterschiedlichen Sprachen, Kulturen, aber auch Stadt und Land. Im Gegensatz zu anderen Ländern hat bei uns das Volk das letzte Wort – es ist die oberste Instanz. Unser politisches System ist austariert, bindet Minderheiten ein, und regelt dank dem föderalistischen System nicht alles zentral in Bern, sondern wenn immer möglich situativ vor Ort, in den Gemeinden und in den Kantonen. 

Unsere Vorfahren nutzen die Flügel immer wieder, um einen eigenen Weg zu gehen, innovativ zu sein und in Europa und auf der Welt zu bestehen. Sie erschufen auf den Wurzeln mit ihren Flügeln die Schweiz. Und Dank diesen Flügel konnte die Schweiz manchen Konflikt umschiffen, lebt seit vielen Hundert Jahren in Frieden und hat sich einen hohen Wohlstand erschaffen. 

Die Wurzeln und Flügel unseres Landes sind stark. Doch leider stelle ich in den letzten Jahren immer wieder fest, dass Wurzeln absterben oder austrocknen und Flügel gestutzt werden – oder wir diese nicht gebrauchen. 

Sich anpassen und mit dem Trend mitschwimmen, anstatt eine eigene Meinung haben, greift immer mehr um sich. Viele Bürgerinnen und Bürger haben in den letzten Jahren resigniert, in vielen Gemeinden fällt es immer schwerer, Leute für öffentliche Ämter zu finden. Politikerinnen und Politiker auf nationaler Ebene wollen international mitmachen, einen eigenen Weg zu gehen ist mühsam und bringt mehr Arbeit. Der Verlust an Souveränität – sei es als Land, aber auch als Bürgerinnen und Bürger, wird immer mehr hingenommen. Doch wo führt das hin? Zur Nivellierung gegen unten – sei es bei der Bildung, beim Fleiss, beim Lohn, beim Arbeitseinsatz und beim Wohlstand. Das kann nicht im Interesse von uns sein.

Liebe Festgemeinde

Denken wir wieder mehr an unsere Wurzeln und Flügel, halten wir Sorge dazu – sie haben uns die letzten 728 Jahren durch schwere Zeiten geführt und heute Wohlstand, Stabilität und Frieden gebracht. Unsere Wurzeln können wir an Tagen wie heute wässern und Nahrung geben, damit wir morgen wieder die Flügel benützen können, um unsere Freiheit zu verteidigen, aber auch, um eigene Ideen zu entwickeln, eigene Wege zu gehen und Lösungen zu finden, die für jede Gemeinde, jeden Kanton und die Schweiz die Richtigen sind.

„Fragt nicht, was euer Land für euch tun wird, sondern fragt, was wir zusammen für die Freiheit der Menschen tun können.“ Dieser Satz hat John F. Kennedy als zweiten Satz berühmten Satz in seiner Antrittsrede als Präsident 1961 gesagt und begleitet mich immer wieder. Denn ich bin überzeugt, dass die rosige Zukunft unseres Landes vor allem in der Freiheit liegen wird – wozu wir vor allem auch die Flügel brauchen. Setzen wir uns dafür ein, dass die Freiheit hochgehalten wird und unsere Nachfahren auch in 728 Jahren noch den Geburtstag der Schweiz feiern können.

In dem Sinne wünsche ich uns allen einen schönen 1. August!

Ich danke Ihnen.

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